Dutzende Tote nach Fussballspiel in Ägypten
Die Spieler des ägyptischen Top-Teams al-Ahli müssen um ihr Leben laufen (Reuters)
- Samstag, 5.5.2012: Krawalle und Festnahmen in Kairo
- Mittwoch, 2.5.2012: Tote bei Kundgebungen in Kairo
- Freitag, 20.4.2012: Wieder Proteste in ägyptischer Hauptstadt
- Montag, 9.4.2012: Querelen vor erster freier Präsidentschaftswahl
- Sonntag, 25.3.2012: Ägyptens Verfassung wird islamistischer
- Samstag, 4.2.2012: Rufe nach Rücktritt des Militärrats
Bei gewalttätigen Auseinandersetzungen nach einem Fussballspiel in der ägyptischen Stadt Port Said sind am Mittwoch mindestens 71 Menschen ums Leben gekommen. 318 Menschen würden noch immer in Spitälern medizinisch betreut, sagte ein Vertreter des Gesundheitsministeriums. Die meisten Verletzten erlitten Gehirnerschütterungen und Schnittwunden.
Die Zusammenstösse begannen, nachdem Fans des heimischen Teams al-Masri nach dem 3:1-Sieg gegen den Tabellenführer und Erzrivalen in der ägyptischen Liga, al-Ahli, Sekunden nach dem Abpfiff das Spielfeld gestürmt hatten. Die Fans hätten Steine, Feuerwerkskörper und Flaschen geworfen und dabei auch Spieler verletzt.
Eine kleine Gruppe von Bereitschaftspolizisten versuchte erfolglos, Spieler zu schützen. Fans gelang es, die flüchtenden Sportler zu treten und schlagen.
Fans zünden Stadion an
Unmittelbar nach Bekanntwerden der Ausschreitungen in Port Said wurde in Kairo das Spiel zwischen al-Ismailiya und Zamalek abgebrochen. Darauf zündeten Fans Teile des Stadions an. Der Fussballverband verschob einem Bericht des Staatsfernsehens zufolge alle weiteren angesetzten Partien auf unbestimmte Zeit.
Der Staatsanwalt ordnete sofortige Ermittlungen an. Das neu gewählte ägyptische Parlament trat wegen des «Massakers» in Kairo zu einer Krisensitzung zusammen. Der herrschende Militärrat verhängte drei Tage nationale Trauer.
Fussballer wollen nie wieder spielen
Die Spieler der Kairoer Fussballmannschaft al-Ahly wollen sich offenbar aus dem Profisport zurückziehen. «Es ist vorbei. Wir haben alle eine Entscheidung getroffen, dass wir nie mehr wieder Fussball spielen werden», sagte Torwart Scharif Ikrami dem privaten Fernsehsender ONTV.
Tote und Verwundete seien am Mittwochabend in die Umkleidekabine getragen worden. «Da sind Leute vor unseren Augen gestorben», sagte Ikrami, der bei den Krawallen selbst verletzt wurde. Wie könne es möglich sein, da wieder Fussball zu spielen. «Wir können überhaupt nicht daran denken.»
Blatter: «Ein schwarzer Tag für den Fussball»
Fifa-Präsident Sepp Blatter erklärte am Abend: «Ich bin entsetzt und schockiert. Meine Gedanken sind bei den Angehörigen der Todesopfer. Ihnen gilt mein tiefes Mitgefühl. Zu den Gründen der Katastrophe kann ich mich nicht äussern, eines aber steht fest: Es ist ein schwarzer Tag für den Fussball. Ein solches Drama ist jenseits des Vorstellbaren und darf nicht geschehen.»
Proteste gegen Polizei und Militär
Nach den Fan-Ausschreitungen haben zahlreiche Menschen in der Nacht zum Donnerstag in Kairo gegen die mutmassliche Nachlässigkeit der Sicherheitskräfte protestiert.
Die Schuldzuweisungen richteten sich vor allem gegen Polizei und Militär. Die islamistische Muslimbruderschaft kritisierte, dass die Sicherheitskräfte bei dem Fussballspiel in Port Said weggeschaut und nichts getan hätten.
Andere machen bezahlte Schlägerbanden des früheren Regimes von Machthaber Hosni Mubarak für den Ausbruch der Gewalt verantwortlich. Ziel sei es, die Revolution zu diskreditieren und den demokratischen Wandel zu stoppen.
Vor dem Gelände des Fussballvereins al-Ahly skandierten Aktivisten Parolen, in denen der regierende Militärrat kritisiert wurde. Hunderte versammelten sich zudem vor dem Hauptbahnhof, um aus der Mittelmeerstadt Port Said ankommende Verletzte zu empfangen.
Auch in Port Said selbst kam es zu Protesten, in denen die Gewalt nach dem Ende des Erstligaspiels verurteilt wurde. Für Donnerstag wurde eine Demonstration vor dem Innenministerium in Kairo angekündigt.
Beteiligte sprechen von «Krieg»
«Das hat mit Fussball nichts zu tun. Das ist Krieg und die Menschen sterben vor unseren Füssen», sagte ein Spieler der Gästemannschaft al-Ahli. Die Armee setzte Hubschrauber ein, um Spieler und Fans in Sicherheit zu bringen.
Der Mannschaftsarzt von al-Ahli wurde auf der Internetseite «Egypt Independent» mit ebenso drastischen Worten zitiert: «Das ist Krieg, der geplant war.» Der Mediziner sprach von Chaos und forderte eine umgehende Untersuchung.
Der Abgeordnete Essam al-Erian erklärte auf der Internetseite seiner von den Muslimbrüdern gegründeten Partei der Freiheit und Gerechtigkeit, die Ereignisse in Port Said seien «geplant» gewesen. Sie seien eine «Botschaft der Anhänger des alten Regimes». (mz, sda)
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