Die grosse Angst vor dem Abzug der Nato
Miki beim Übersetzereinsatz: «Jetzt will ich nur noch eines: Mein Leben geniessen.» (Karin Wenger, SRF)
Von Südasien-Korrespondentin Karin Wenger
Einzig, dass Miki keine Waffe trägt, unterscheidet ihn von den amerikanischen Soldaten. Der 22-jährige Afghane flucht in breitestem Amerikanisch, trägt eine Camouflage-Uniform, unter der sich seine gestählten Muskeln abzeichnen, die Haare sind kurz getrimmt, er hasst die Taliban über alles.
Bei einer Hausdurchsuchung in einem kleinen Weiler an der pakistanischen Grenze wühlt er mit Verachtung durch eine Kiste voller Musikkassetten. Osama bin Ladens Bild ist auf einigen Umschlägen aufgedruckt. Das sei Talibanmusik, sagt Miki. Der Besitzer jedoch ist längst aus dem Haus verschwunden.
Übersetzer für 1000 Dollar im Monat
Miki und seine Familie flohen während des Talibanregimes Ende der neunziger Jahre ins Exil nach Pakistan und kehrten erst 2002 nach Kabul zurück. Mikis Bruder eröffnete einen Schmuckladen in einer Touristenstrasse von Kabul. Dort lernte Miki Englisch und dort wurde er mit 17 Jahren von einem Nato-Mitarbeiter als Übersetzer rekrutiert.
Für 1000 Dollar im Monat übersetzt er seither für die amerikanischen Soldaten in Khost. Er lebt mit ihnen auf einem kleinen Aussenposten nahe der pakistanischen Grenze, geht auf Patrouille, verharrt stundelang in Hinterhalten, ist ein Soldat ohne Waffe. Brandmale auf Mikis Gesicht und Arm erinnern an jenen Tag, als unter seinem Panzerfahrzeug ein Sprengsatz explodierte. Zwanzig Mal sei er bereits auf Sprengsätze aufgefahren, sagt Miki. Zwanzig Mal sei er davon gekommen.
Oft sind diese Vorfälle tödlich. Im April verbrannte ein Soldat des Aussenpostens in einem der gepanzerten Fahrzeuge. Ein Sprengsatz hatte es in Brand gesetzt. Um den Stress abzuschütteln habe er nur ein Mittel, erzählt Miki. Er gehe in den Kraftraum. «Ich trainiere jeden Tag, so hart, bis ich alles vergesse», so der junge Afghane. Jeden Morgen rücke er dann wieder aus und frage sich aufs Neue, ob er zurückkomme.
Unmissverständliche Warnung
Sprengsätze sind in Khost die grösste Gefahr für die Nato-Truppen. Das Haqqani-Terrornetz ist hier besonders stark. Aber für Miki und alle anderen Afghanen, die mit den Ausländern arbeiten, sind sie nicht die einzige. Denn sie gelten in den Augen der Aufständischen als Verräter.
Vor drei Monaten, als Miki mit den Soldaten auf Patrouille war, erhielt er eine unmissverständliche Warnung. Ein Talibankommandant habe ihn angerufen, sagt er. «Er sagte, er könne uns sehen und habe einen Selbstmordattentäter bereit. Er werde ihn in den kommenden Tagen auf uns loslassen.»
Fünf Jahre im Dienste der Nato-Truppen haben für Miki gereicht, um den Glauben an eine friedliche Zukunft in Afghanistan zu verlieren. «Wenn die Amerikaner abziehen, dann wird alles noch schlimmer in Afghanistan», fürchtet Miki. Die eigene Regierung sei korrupt, die afghanische Armee und die Polizei könnten die Menschen nicht schützen. Deshalb wolle er das Land verlassen.
«Mein Leben geniessen, Spass haben»
Mikis Visa-Verfahren für Amerika läuft seit drei Jahren und sollte noch dieses Jahr abgeschlossen werden. Viele andere Mitarbeiter werden dieses Glück nicht haben. Die Nato-Länder haben keine einheitliche Regelung, wie sie mit ihren afghanischen Mitarbeitern nach dem Abzug der Truppen Ende 2014 verfahren wollen. Deutschland beispielsweise wird niemanden ausfliegen. «Brain drain», also der Abzug von qualifizierten Afghanen aus einem bereits instabilen Land, lautet das deutsche Gegenargument.
Miki jedoch sagt, reise er nicht aus, dann müsse er um sein Leben fürchten. Und überhaupt: Er habe seine Jugend im Krieg vergeudet. «Jetzt will ich nur noch eines: Mein Leben geniessen, Spass haben.» Das habe er von den Amerikanern gelernt. (ank)
